Mittwoch, 15. Oktober 2025

Eine Milliarde Sterne

 

                   

 "Eine Milliarde Sterne drehen sich durch die Nacht, 

glitzern über deinem Kopf,
Aber in dir ist die Gegenwart, die
sein wird, wenn alle Sterne tot sind."

- Rainer Maria Rilke - 

Dienstag, 14. Oktober 2025

Herr: Es ist Zeit


 Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.

Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren, und auf den Fluren lass die Winde los. 
Befiehl den letzten Früchten voll zu sein;
gib ihnen noch zwei südlichere Tage,
dränge sie zur Vollendung hin und jage die letzte Süße in den schweren Wein. 
Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her unruhig wandern, wenn die Blätter treiben. 

Rainer Maria Rilke




Sonntag, 12. Oktober 2025

Einsiedler

 

 
Er hatte seit Jahren nicht mehr gesät
Verstreut noch reifte ihm das Getreide
Zuletzt ließ er den Hafer ungemäht
Sein Pferd verlor sich auf der Weide.

Er brach eine Zeit noch Beeren vom Ast
Als müßte er einen Hunger stillen
Dann vergaß er auch diese letzte Last
Um seiner tieferen Ruhe willen.

Er saß vor der Hütte bei Tag und Nacht
Die Hütte verfiel in Wind und Regen
Allmählich wuchsen die Gräser sacht
Seinen Füßen und Knien entgegen

Und wuchsen langsam durch seine Hand.
Er ward wie ein Sieb, ohne Außen und Innen.
Gleichmäßig und ganz ohne Widerstand
Konnten die Jahre durch ihn rinnen.

Maria Luise Weissmann 1899 - 1929










Freitag, 10. Oktober 2025

Herbst - Für Florian

 


Rings ein Verstummen, ein Entfärben:
Wie sanft den Wald die Lüfte streicheln,
Sein welkes Laub ihm abzuschmeicheln;
Ich liebe dieses milde Sterben.

Von hinnen geht die stille Reise,
Die Zeit der Liebe ist verklungen,
Die Vögel haben ausgesungen,
Und dürre Blätter sinken leise.

Die Vögel zogen nach dem Süden,
Aus dem Verfall des Laubes tauchen
Die Nester, die nicht Schutz mehr brauchen,
Die Blätter fallen stets, die müden.

In dieses Waldes leisem Rauschen
Ist mir als hör' ich Kunde wehen,
dass alles Sterben und Vergehen
Nur heimlich still vergnügtes Tauschen.

(Nikolaus Lenau)

Gesetzt ich verliere dich..

 


 
Gesetzt ich verliere dich
und habe dann zu entscheiden
ob ich dich noch ein Mal sehen will
und ich weiß:
Das nächste Mal
bringst du mir zehnmal mehr Unglück
und zehnmal weniger Glück

Was würde ich wählen?

Ich wäre sinnlos vor Glück
dich wieder zusehen. 

Erich Fried
Bild: Henri Matisse 


Dienstag, 12. August 2025

Im Gedenken an Daniel


..."Du kannst dich niemals zurück verwandeln,wenn du ein Kind bekommen hast, selbst wenn das Kind nicht mehr existiert .."💔

aus: "Wie Risse in der Erde" 
von Clare Leslie Hall
 
 💞

Halte meine Hand

Halte meine Hand, wenn die Sonne untergeht,
wenn das Licht des Tages erlischt
und die Dunkelheit ihr sternernes Tuch ausbreitet ...

Halte sie fest, wenn es mir nicht gelingt
in dieser unvollkommenen Welt zu leben ...
Halte meine Hand ...
bring mich dahin, wo es keine Zeit gibt ...
Halte sie fest, wenn das Leben schwierig ist.

Halte meine Hand ...
an den Tagen, an denen ich mich orientierungslos fühle ...
sing mir das Lied der Sterne
leiser Singsang gehauchter Stimmen ...

Halte meine Hand
und drücke sie fest bevor das unverschämte
Schicksal mich von dir wegführt ...
Halte meine Hand und lass mich nicht gehen ...
niemals ...


Für uns, liebe Esther, lieber Rainer, hören sie niemals auf
zu existieren - sie sind Teil von uns, ganz zu uns 
zurück gekehrt. Unverlierbar!
 
Ich bin mit Euch traurig  💔
Eure Gabi 
 
 
 
                 Bild: Quint Buchholz "Alles hat seine Zeit"


Samstag, 26. Juli 2025

Tage der Trauer, Tage der Heilung

 



„Es war eine lange, beschwerliche Wanderschaft, bis wir endlich einen Ort relativer Seelenruhe erreichen. Doch einmal angekommen, verspüren wir Erleichterung und Befreiung von unserer größten Verzweiflung.  Der Tod eines Menschen, den wir liebten, ist nicht etwas, worüber man jemals „hinwegkommt“. Doch wenn wir uns durch die Trauer durchgearbeitet haben, uns Zeit gelassen haben, den Schmerz zu fühlen und unser Leben aus dieser veränderten Perspektive betrachten, dann können wir endlich akzeptieren, was uns widerfahren ist.  Das ist das Geschenk, das wir uns selbst gemacht haben, indem wir die Trauer angenommen haben, sie durch gestanden haben, anstatt sie zu leugnen oder sie in etwas verwandelt haben, das nicht existiert.

Wer vor seiner Trauer davonläuft, wird niemals inneren Frieden finden. Doch weil wir uns unserem Verlust gestellt haben, ist es uns nun möglich, ein Leben frei – oder zumindest relativ frei – von innerem Konflikt zu leben. „Ich kann jetzt an sein Grab gehen mit Blumen und mit Frieden im Herzen anstatt mit Blumen in der Hand und Dornen im Herzen.

Weil ich mich meinem Verlust ausgesetzt habe, ist es mir gelungen, Frieden zu finden. Wenn auch noch nicht heute, so wird es mir doch eines Tages in der Zukunft möglich sein, meinen Schmerz zu akzeptieren. Ich werde es mir zum Ziel setzen. Jetzt beglückwünsche ich mich, dass ich so weit gekommen bin, die ganze Spannweite der Gefühle und Zustände, die mit meiner Trauer einhergehen, zu ertragen.“

Carol Staudacher
,  "Tage der Trauer, Tage der Heilung"

Mittwoch, 23. Juli 2025

Zeuge eines Zeichens




::: Für Florian und Gabi :::

...von mir für Euch...nach dem Lesen von "Florian, geb. 1976- Trauer die bleibt"


 Zeuge eines Zeichens

 

Was mag es sein, dass es die Sonne scheinen erlaubt

wenn man ein schweres Buch in den Händen hält

dessen wahres Gewicht sich nur erahnen lässt?

 

Was mag es sein, dass es das Entziffern erschwert

wenn man die Seiten vorsichtig aufblättert

und den Herbst unter seinen Fingern spürt?

 

Was mag es sein, dass Buchstaben sich still auflesen

wenn man die Augen darüber federnd geruht

und das Aroma von kalter Erde kostet?

 

Was mag es sein, dass Tränen sich ausweinen

wenn man in Erinnerungen tauchend versinkt

und das stille Schweigen vieler Worte begreift?

 

Was mag es sein, dass Gefühle sich türmen

wenn man sich sanft fremder Sterne annimmt

und Seite für Seite Berührung im Schatten erfährt?

 

Was mag es sein, dass sich lautlos die Nacht nähert

wenn man tief beginnt die Botschaft zu verwurzeln

und der keimenden Hoffnung nicht beraubt fühlt?

  

Was mag es sein, dass sich Wehmut verbreitet

wenn man leise am Ende der Reise das Buch schließt

und erfasst, dass der Anfang erst begonnen hat?

 

Dann war man Zeuge eines Zeichen, Namens Florian!

 © Silke Oktober 2004

  

💞

Heute las ich, was ich nur noch sehr selten tue, in alten Briefen und Emails, die ich im Laufe der Jahr in unzählbarer Menge erhielt - und (ich hoffe) alle auch beantwortet habe. Sie sind ein Schatz, den ich auch nach all der Zeit hüte und bewahre.  Es waren Menschen, wie Silke, "fremde Menschen", die mir die schönsten und wertvollsten Briefe schrieben, die ich jemals erhielt. 
 Oft waren es - wie sie - Menschen, die selbst keinen Toten zu betrauern mußten, die aber einen Moment innehielten in ihrem Leben und Florian und mir ihre Zeit und ihre Gedanken - ihre Liebe und ihr Mitgefühl - schenkten. 
 
Vielleicht kann ich die Größe und die Tiefe dieser Wortgeschenke erst heute wirklich ermessen, wo ich selbst zurück im Leben bin, alt werden darf und das Glück, leben zu dürfen ermessen kann. Ich nenne es nicht mehr "Trauerglück", aber ich musste tiefe Tälder und lange Wege durchschreiten, um hierher zu kommen. 
 
Florian ist fester, unverlierbarer Bestandteil meines Lebens. Unsere stummen Dialoge begleiten mich und seine Zeichen finde ich, wenn ich sie nicht erwarte und doch brauche. 
 
Ich weiß nicht, liebe Silke, ob Du das lesen wirst. Ich weiß nicht, wie Dein Leben weiter verlief, aber ich wünsche Dir von ganzem Herzen, dass es gut mit Dir umgegangen ist. 
 
Danke 💖 liebe Silke. Deine Worte sind zeitlos und berühren mich heute noch immer sehr. 
 
Deine Gabriele mit Florian im Licht