
Der 17. Oktober ist nicht nur Florians Geburtstag. In diesem
Jahr wäre es sein 50. Geburtstag. Vielleicht ragt dieser Tag deshalb so sehr
heraus: Er macht die Zeit sichtbar, die vergangen ist – seine und meine.
Florian wurde nur 23 Jahre alt. In meiner
Erinnerung bleibt er deshalb jung. Ich kenne sein Gesicht mit 23, seine Stimme,
seine Art zu lachen, seine Träume, den jungen Mann, der er damals war.
Aber nun geschieht etwas anderes:
Ich vermisse auch den Florian, den ich nie
kennenlernen durfte.
Den 30-Jährigen. Den 40-Jährigen. Und jetzt ganz
besonders den 50-jährigen Mann.
Wie sähe er heute aus? Was wäre aus ihm
geworden? Was würde ihn beschäftigen? Worüber würden wir miteinander reden und
lachen? Würde ich, wenn er heute bei uns säße, in seinem älter gewordenen
Gesicht manchmal plötzlich wieder den Jungen erkennen?
Das sind keine Erinnerungen. Es sind ungelebte
Möglichkeiten. Vielleicht liegt darin eine eigene Form der Trauer: Nicht nur
den Menschen zu vermissen, den man verloren hat, sondern auch all die Menschen,
die er im Laufe seines Lebens noch geworden wäre.
Die Ernte
Je älter ich selbst werde, desto deutlicher
spüre ich noch etwas anderes.
Ich bin dankbar, alt werden zu dürfen. Ein
langes Leben ist keine Selbstverständlichkeit. Auch wenn das Alter beschwerlich
ist und mein Körper mir inzwischen einiges abverlangt, weiß ich um dieses
Geschenk.
Aber meine Dankbarkeit ist nicht ungeteilt.
Denn zu der Ernte eines langen Lebens hätte für
mich gehört, mein Kind älter werden zu sehen.
Ich hatte mich einmal ganz selbstverständlich
darauf verlassen, ohne überhaupt zu wissen, dass dies eine Ernte sein würde:
das erwachsene Kind zu erleben. Seine Veränderungen. Sein eigenes Leben.
Vielleicht irgendwann die Umkehr der Fürsorge. Gemeinsam zurückzuschauen auf
das, was gewesen ist.
Dieser Teil meiner Ernte wurde mir genommen.
Und so wächst mit jedem Jahr, das mir geschenkt wird, auch
etwas anderes: die Zahl der Jahre, die ich ohne Florian gelebt habe.
Dankbarkeit hebt Trauer nicht auf.
Beides darf nebeneinanderstehen.
Liebe erinnert
Zwanzig Jahre lang haben wir seinen Geburtstag
mit einer Anzeige und einem Abend mit seinen engsten Freunden begangen.
Irgendwann fühlte sich dieses gemeinsame Erinnern nicht mehr richtig an. Die
Freunde waren weitergegangen – wie sie weitergehen mussten –, und der Abend
wurde schmerzhafter als das stille Erinnern.
Aber Liebe braucht kein Ritual, um zu bleiben.
Vielleicht ist das der Gedanke, der über diesem
50. Geburtstag stehen kann:
Liebe erinnert.
Nicht nur an den Menschen, der war.
Sondern manchmal sogar an den Menschen, der
hätte werden können. 