"Und manchmal, während wir so schmerzhaft reifen, dass wir beinahe daran sterben, erhebt sich aus allem, was wir nicht begreifen, ein Gesicht und sieht uns strahlend an" Rainer Maria Rilke
Sonntag, 7. August 2011
Tears, Idle Tears

Tears, idle tears, I know not what they mean,
Tears from the depth of some divine despair
Rise in the heart, and gather to the eyes,
In looking on the happy Autumn-fields,
And thinking of the days that are no more.
Fresh as the first beam glittering on a sail,
That brings our friends up from the underworld,
Sad as the last which reddens over one
That sinks with all we love below the verge;
So sad, so fresh, the days that are no more.
Ah, sad and strange as in dark summer dawns
The earliest pipe of half-awakened birds
To dying ears, when unto dying eyes
The casement slowly grows a glimmering square;
So sad, so strange, the days that are no more.
Dear as remembered kisses after death,
And sweet as those by hopeless fancy feigned
On lips that are for others; deep as love,
Deep as first love, and wild with all regret;
O Death in Life, the days that are no more.
Alfred Lord Tennyson, 1809-1892
Samstag, 6. August 2011
Das Leben
Von den Alten zu den Jungen
Muß das Leben wandern.
Was du gestern noch bezwungen,
Bezwingen morgen schon die andern.
Das Lied, das du gestern gepfiffen im Weitertraben,
Will schon morgen der andern Lippen haben.
Und dir entschwundene Augenblicke kannst du sehen,
Wie sie im Blut der Jungen auferstehen.
Darüber, seit ich`s erfahre, muß ich die Hände falten,
Muß leiden, daß ich mich wandle, und laß es walten.
Das Leben - ach, einst da kam es umhalsend gesprungen,
Jetzt grüßt es noch im Vorüberschweben und geht zu den Jungen.
Max Dauthendey, 1867-1918
Ein Text, der den Verlust der Gesetzmäßigkeit sehr spürbar werden läßt!
Bild: Peter Wewer
Muß das Leben wandern.
Was du gestern noch bezwungen,
Bezwingen morgen schon die andern.
Das Lied, das du gestern gepfiffen im Weitertraben,
Will schon morgen der andern Lippen haben.
Und dir entschwundene Augenblicke kannst du sehen,
Wie sie im Blut der Jungen auferstehen.
Darüber, seit ich`s erfahre, muß ich die Hände falten,
Muß leiden, daß ich mich wandle, und laß es walten.
Das Leben - ach, einst da kam es umhalsend gesprungen,
Jetzt grüßt es noch im Vorüberschweben und geht zu den Jungen.
Max Dauthendey, 1867-1918
Ein Text, der den Verlust der Gesetzmäßigkeit sehr spürbar werden läßt!
Bild: Peter Wewer
Freitag, 5. August 2011
Balsam der Enttäuschung

Ich stieß beim Lesen wieder einmal auf eine Buchstelle, die ich Euch nicht vorenthalten will - zum Thema "Enttäuschung". Eine mögliche Sicht - und ein schönes Buch!
...."Enttäuschung gilt als Übel. Ein unbedachtes Vorurteil. Wodurch, wenn nicht durch Enttäuschung, sollten wir entdecken, was wir erwartet und erhofft haben? Und worin, wenn nicht in dieser Entdeckung. sollte Selbsterkenntnis liegen?
Wie also sollte einer ohne Enttäuschung Klarheit über sich selbst gewinnen?
Wir sollten Enttäuschungen nicht seufzend erleiden als etwas, ohne das unser Leben besser wäre. Wir sollten sie aufsuchen, ihnen nachspüren, sie sammeln. Warum bin ich enttäuscht, dass…….. Was haben wir denn von den anderen erwartet?
Menschen, die ihr Leben unter der unbarmherzigen Herrschaft von Schmerzen leben müssen, sind oft darüber enttäuscht, wie sich die anderen verhalten, auch diejenigen, die bei ihnen ausharren. Es ist zu wenig, was sie tun und sagen und auch zu wenig, was sie fühlen „Was erwarten Sie denn“? frage ich. Sie können es nicht sagen und sind bestürzt darüber, dass sie jahrelang eine Erwartung mit sicher herumgetragen haben, die enttäuscht werden konnte, ohne dass sie Näheres über sie wussten.
Einer der wirklich wissen möchte, wer er ist, müsste ein ruheloser, fanatischer Sammler von Enttäuschungen sein, und das Aufsuchen enttäuschender Erfahrungen müsste ihm wie eine Sucht sein, die alles bestimmende Sucht seines Lebens, denn ihm stünde mit großer Klarheit vor Augen, dass sie nicht ein heißes, zerstörerisches Gift ist, die Enttäuschung, sondern ein kühler, beruhigender Balsam, der uns die Augen öffnet über die wahren Konturen unserer selbst……“
Aus: Nachtzug nach Lissabon (Pascal Mercier)
Foto: Tür auf Hydra
Ich will!
Ich will! - Das Wort ist mächtig,
Spricht's einer ernst und still;
Die Sterne reißt's vom Himmel,
Das eine Wort: Ich will! -
Friedrich Halm, 1806-1871
Donnerstag, 4. August 2011
Meine Grabschrift

Viel genossen, viel gelitten,
Und das Glück lag in der Mitten;
Viel empfunden, nichts erworben,
Froh gelebt und leicht gestorben.
Fragt nicht nach der Zahl der Jahre —
Kein Kalender ist die Bahre,
Und der Mensch im Leichentuch
Bleibt ein zugeklapptes Buch.
Deshalb, Wand`rer, zieh`doch weiter,
Denn Verwesung stimmt nicht heiter.
Ferdinand Sauter, 1804-1854
Mittwoch, 3. August 2011
Ich bin nicht ich
Yo no soy yo.
Soy este
que va a mi lado sin yo verlo;
que, a veces, voy a ver,
y que, a veces, olvido.
El que calla, sereno, cuando hablo,
el que perdona, dulce, cuando odio,
el que pasea por donde no estoy,
el que quedará en pié cuando yo muera.
Juan Ramón Jiménez
Ich bin nicht ich.
Ich bin jener,
der an meiner Seite geht, ohne dass ich ihn sehe;
den ich manchmal besuche,
und den ich manchmal vergesse.
Er, der schweigt, gelassen, wenn ich spreche,
er, der verzeiht, sanft, wenn ich hasse,
er, der wandelt, wo ich nicht bin,
er, der aufrecht bleiben wird, wenn ich sterbe.
Soy este
que va a mi lado sin yo verlo;
que, a veces, voy a ver,
y que, a veces, olvido.
El que calla, sereno, cuando hablo,
el que perdona, dulce, cuando odio,
el que pasea por donde no estoy,
el que quedará en pié cuando yo muera.
Juan Ramón Jiménez
Ich bin nicht ich.
Ich bin jener,
der an meiner Seite geht, ohne dass ich ihn sehe;
den ich manchmal besuche,
und den ich manchmal vergesse.
Er, der schweigt, gelassen, wenn ich spreche,
er, der verzeiht, sanft, wenn ich hasse,
er, der wandelt, wo ich nicht bin,
er, der aufrecht bleiben wird, wenn ich sterbe.

Im Verständnis des irischen Malers Francis Bacon ist der Tod ein Ereignis, das dem Leben eingeschrieben und daher koexistent und immanent ist:
„Ich selbst habe das Gefühl von Sterblichkeit die ganze Zeit. Weil einen das Leben erregt, muss das Gegenteil, der Tod, wie ein Schatten von ihm, einen auch erregen, aber man ist sich seiner in der gleichen Weise bewusst, wie man das Leben spürt, ähnlich dem Drehen einer Münze, das Leben bedeutet oder Tod. Ich spüre das sehr genau bei anderen und bei mir natürlich auch. Ich bin jedes Mal überrascht, wenn ich morgens wieder aufwache.“
(Bacon, Gespräche mit David Sylvester)
Dienstag, 2. August 2011
Gemeinsam

Vergesset nicht
Freunde
wir reisen gemeinsam
besteigen Berge
pflücken Himbeeren
lassen uns tragen
von den vier Winden
Vergesset nicht
es ist unsre
gemeinsame Welt
die ungeteilte
ach die geteilte
die uns aufblühen läßt
die uns vernichtet
diese zerrissene
ungeteilte Erde
auf der wir
gemeinsam reisen
Rose Ausländer
Montag, 1. August 2011
Versöhnung
Wieder ein Morgen
ohne Gespenster
im Tau funkelt der Regenbogen
als Zeichen der Versöhnung
Du darfst dich freuen
über den vollkommenen Bau der Rose
darfst dich im grünen Labyrinth
verlieren und wiederfinden
in klarerer Gestalt
Du darfst ein Mensch sein
arglos
Der Morgentraum erzählt dir
Märchen
du darfst
die Dinge neu ordnen
Farben verteilen
und wieder
schön sagen
an diesem Morgen
du Schöpfer und Geschöpf
Rose Ausländer
Foto: Irland 2010
ohne Gespenster
im Tau funkelt der Regenbogen
als Zeichen der Versöhnung
Du darfst dich freuen
über den vollkommenen Bau der Rose
darfst dich im grünen Labyrinth
verlieren und wiederfinden
in klarerer Gestalt
Du darfst ein Mensch sein
arglos
Der Morgentraum erzählt dir
Märchen
du darfst
die Dinge neu ordnen
Farben verteilen
und wieder
schön sagen
an diesem Morgen
du Schöpfer und Geschöpf
Rose Ausländer
Foto: Irland 2010
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