Sonntag, 24. Januar 2010

Wie ich dich liebe



Wie ich dich liebe? Lass mich zählen wie.
Ich liebe dich so tief, so hoch, so weit,
als meine Seele blindlings reicht, wenn sie
ihr Dasein abfühlt und die Ewigkeit.

Ich liebe dich bis zu dem stillsten Stand,
den jeder Tag erreicht im Lampenschein
oder in Sonne. Frei, im Recht, und rein
wie jene, die vom Ruhm sich abgewandt.

Mit aller Leidenschaft der Leidenszeit
und mit der Kindheit Kraft, die fort war, seit
ich meine Heiligen nicht mehr geliebt.

Mit allem Lächeln, aller Tränennot
und allem Atem. Und wenn Gott es giebt,
will ich dich besser lieben nach dem Tod.

Elizabeth Barrett Browning (1806-1861)
Aus dem Englischen von Rainer Maria Rilke

Am meistern an diesem Foto von Florian berührt mich die kleine Hand, die ich halte!

Samstag, 23. Januar 2010

Mach dieses Bett geräumig


Mach dieses Bett geräumig
Bereite es mit großer Ehrfurcht
Warte darin
Auf den Anbruch des Jüngsten Tages
Strahlend und klar

Bereite das Lager eben
Mache das Kissen rund
Lass keines Sonnenaufgangs grellen Lärm
Je behelligen diese Stätte

Emily Dickenson

Danke, liebe Anna Maria für Dein ergänzendes Gedicht. Ich liebe Emily Dickenson - ihre Texte bringen mich zum weinen! Hab Dank!

Freitag, 22. Januar 2010

Die schwersten Wege



Die schwersten
Wege werden alleine gegangen,
die Enttäuschung, der Verlust,
das Opfer,
sind einsam.
Selbst der Tote der jedem Ruf antwortet
und sich keiner Bitte versagt
steht uns nicht bei
und sieht zu
ob wir es vermögen.
Die Hände der Lebenden, die sich ausstrecken
ohne uns zu erreichen
sind wie die Äste der Bäume im Winter.
Alle Vögel schweigen.
Man hört nur den eigenen Schritt
und den Schritt, den der Fuß
noch nicht gegangen ist aber gehen wird.

Stehenbleiben und sich Umdrehen
hilft nicht. Es muß
gegangen sein.

Nimm eine Kerze in die Hand
wie in den Katakomben,
das kleine Licht atmet kaum.
Und doch, wenn du lange gegangen bist,
bleibt das Wunder nicht aus,
weil das Wunder immer geschieht,
und weil wir ohne Gnade
nicht leben können:
die Kerze wird hell vom freien Atem des Tags,
du bläst sie lächelnd aus
wenn du in die Sonne trittst
und unter den blühenden Gärten
die Stadt vor dir liegt
und in deinem Haus
dir der Tisch weiß gedeckt ist.
Und die verlierbaren Lebenden
und die unverlierbaren Toten
dir das Brot brechen und den Wein reichen -
und du ihre Stimme wieder hörst
ganz nahe
bei deinem Herzen.

Hilde Domin

Hab Dank, liebe Christine, für dieses wunderschöne Gedicht!
Es mußte einen eigene Platz im blog erhalten...

Donnerstag, 21. Januar 2010

Seit ich dich liebe



Seit ich dich liebe,
verbergen sich nicht mehr im Rauschen
des Windes die Ängste von gestern.
Seit ich dich liebe,
vermag ich den Amseln zu lauschen
als meine gefiederten Schwestern.

Seit ich dich liebe,
such ich die Fehler und Schwächen
der Menschen neu zu verstehn, zu verzeihn.
Seit ich dich liebe,
beginnen die Brunnen zu sprechen,
Wärme entströmt selbst dem kalten Gestein.

Seit ich dich liebe,
spür ich die Kraft meine Arme zu heben,
bau ich mein Haus nicht wie einst nur auf Sand.
Seit ich dich liebe,
seh ich mich täglich von Wundern umgeben,
fühl ich den Sternen mich nahe verwandt

Verfasser unbekannt

Mittwoch, 20. Januar 2010

Im Gedenken an Lilli



Heute vor einem Jahr wurde Lilli Esmeralda Niebla geboren - und mußte nach wenigen Stunden weitergehen.. Meine Gedanken sind bei Kathrin, die für Lilli heute schrieb:

an diesem tag denke ich an dich.
wie ich jedes jahr an diesem tag an dich denken werde.
wie ich jeden tag in jedem jahr deinen namen aussprechen werde.
wie ich jeden tag dein gesicht im herzen tragen werde, schön, rein, ein geschenk der liebe.
wie ich jeden tag deinen schatz in meinen händen bewahre, auch für die, die dich nicht sehen können.
wie ich jeden tag in jedem jahr meine liebe für dich mit stolz tragen, auf meine fahnen schreiben werde, froh, dass du meine welt erhellt und licht dorthin gebracht hast, wo man sonst nicht sehen kann.

deine mama

Dienstag, 19. Januar 2010

Sehnsucht


Und wenn dich
wieder und wieder
das unstillbare Gefühl
der Sehnsucht erfasst
dann nimm es an
und lass dich getrost
in ihre Arme fallen.
Um sich mit ihr zusammen
in andere Welten zu träumen,
um den hörbaren Klang
der Stille zu spüren,
um den lebendigen
Herzschlag der Liebe
einzuatmen.

Auch Sehnsuchtsträume
versprechen Wirklichkeit.
Um wahre Brücken zwischen
Himmel und Erde zu spannen.
Weil sie ein göttliches Wissen
um das Unbewusste haben,
weil ihre übersinnliche Kraft
grenzenlose Welten schafft.
Welten, die sich näher sind
als wir ahnen und wahrer
als jeder zweifelnde Augenblick.

© Text und Foto Ute Leser

Aber dass du sein Leben verlierst...



Aber dass du sein Leben verlierst, und alle Tage
der Zukunft verwelken dir mit seiner Jugend -
wer hätte je dich dazu gehärtet, wer dir die Höhle
dafür gewiesen, wer dir die Rüstung bestellt, wer
den Sitz angezeigt im Gebirge, ausgesetzt der
Übung im Eis? Wir sinken den Kinder doch
nach, wenn sie vorangehn. Am Grab der Eltern
zu stehen ist einsam genug, und mit Wärme
und Frost des Bodens wechseln in Wellen
Trauer und Trost. Aber dein Kind zu beklagen
verkehrt Himmel und Erde, stülpt innen nach
außen, verwirft das bewunderte Weltall,
zerbricht die Ordnung der Sterne, und jede
zynische Deutung umarmt dich im Trostkleid.
Wie soll die Schöpfung zu achten sein, die so
sorglos verfährt mit sich selbst?

Gert Heidenreich

Montag, 18. Januar 2010

Es gibt nichts...



"Es gibt nichts, was uns die Abwesenheit eines lieben Menschen ersetzen kann, und man soll das auch gar nicht versuchen; man muss es einfach aushalten und durchhalten; das klingt zunächst sehr hart, aber es ist doch zugleich ein großer Trost; denn indem die Lücke wirklich unausgefüllt bleibt, bleibt man durch sie miteinander verbunden.
Es ist verkehrt, wenn man sagt, Gott füllt die Lücke aus; er füllt sie gar nicht aus;, sondern er hält sie vielmehr gerade unausgefüllt, und hilft uns dadurch, unsere echte Gemeinschaft miteinander - wenn auch unter Schmerzen - zu bewahren.
Ferner: Je schöner und voller die Erinnerungen, desto schwerer die Trennung. Aber die Dankbarkeit verwandelt die Qual der Erinnerung in eine stille Freude. Man trägt das vergangene Schöne nicht mehr wie einen Stachel, sondern wie ein kostbares Geschenk in sich. Man muss sich hüten, in den Erinnerungen zu wühlen, sich ihnen auszuliefern, wie man auch ein kostbares Geschenk nicht immerfort betrachtet, sondern nur zu besonderen Stunden und es sonst nur wie einen verborgenen Schatz, dessen man sich gewiss ist, besitzt; dann geht eine dauernde Freude und Kraft von dem Vergangenen aus."

(Auszug aus einem Brief von Dietrich Bonhoeffer gefunden, den er am Heiligabend 1943 aus dem Gefängnis Berlin-Tegel an Renate und Eberhard Bethge (sein Biograph) sandte)

Danke, lieber Rainer, dass Du mich an diesen Brief noch einmal erinnerst!

Samstag, 16. Januar 2010

Das Vermächtnis



Erlösung kommt von innen, nicht von außen,
und wird erworben nur und nicht geschenkt.

Sie ist die Kraft des Inneren, die von draußen
rückstrahlend Deines Schicksals Ströme lenkt.

Was fürchtest Du? Es kann Dir nur begegnen,
was Dir gemäß und was Dir dienlich ist.

Ich weiß den Tag, da Du Dein Leid wirst segnen,
das Dich gelehrt, zu werden, was Du bist.

Ephides

Foto: Engel auf dem Waldfriedhof in Stahnsdorf

Freitag, 15. Januar 2010

Vor einem Winter



Ich mach ein Lied aus Stille
und aus Septemberlicht.
Das Schweigen einer Grille
geht ein in mein Gedicht.

Der See und die Libelle.
Das Vogelbeerenrot.
Die Arbeit einer Quelle.
Der Herbstgeruch von Brot.

Der Bäume Tod und Träne.
Der schwarze Rabenschrei.
Der Orgelflug der Schwäne.
Was es auch immer sei,

Das über uns die Räume
Aufreißt und riesig macht
Und fällt in unsre Träume
in einer finstren Nacht.

Ich mach ein Lied aus Stille.
Ich mach ein Lied aus Licht.
So geh ich in den Winter.
Und so vergeh ich nicht.

Eva Strittmatter