Samstag, 23. August 2014

Brief Florian 11.4.1997





 Auszug aus einem Brief von Florian aus Camphill vom 11. April 1997

......"Wer bin ich? Ich bin eben nicht nur Dein Sohn, sondern muß/will auch von anderen lernen. Ich habe hier so viele verschiedene Menschen um mich herum, daß ich über diese Situation echt dankbar sein kann. Ich denke, viele Dinge, die Du mir über die Jahre mit auf den Weg gegeben hast, kann ich nun zum ersten Mal anwenden, das Resultat sehen. Du kannst mir mehr oder weniger nur Theorie und Beispiele auf den Weg geben. Das Prüfen auf Richtigkeit und Funktionalität muß ich jetzt selber tun. Dafür brauche ich eben Deine Hilfe nicht. Aber ich brauche noch immer Dich!!! Werde Dich immer brauchen, auch als Berater. Nur hier habe ich die Sicherheit von Camphill, die ich im späteren Leben nicht mehr haben werde. Ich kann hier Fehler machen, ohne an ihrem Ergebnis unterzugehen. Ich denke, als „Entwicklungshilfe“ ist dies hier der ideale Platz. Man erlebt täglich alle Facetten des Lebens, mit immer anderem Ausgang.

Douglas sagt immer, wäre das Leben einfach, so wäre es doch langweilig. Im Grunde bin ich über jedes Problem froh, da man hier immer die Chance einer Lösung hat, der andere nie wegrennen, sich verstecken kann. Man wird mit den Dingen des Lebens konfrontiert.

Meine momentane Distanz hat mit dem momentanen Problem zu tun, ist aber eben nur momentan.

Jette habe ich einmal geschrieben, daß ich hier im „Paradies auf Zeit“ wäre. Ich denke, genau dies ist mein Gefühl. Ich will den Moment genießen, voll auskosten und unter ihm leiden, da ich weiß daß er nicht für die Ewigkeit sein wird. Es ist ein Leben  in Sicherheit, in „falscher Sicherheit“. In einem Netz von Verantwortungen und Aufgaben kann man nicht verloren gehen. Doch jede Spinne muß einmal ihr Netz verlassen, ein neues bauen.  Dies bedarf großer Fähigkeiten und genügend Zeit. Ich bin von einem (zu Hause) ins andere Netz gesprungen (Camphill). Aber eines Tages muß ich mein eigenes bauen. Dafür muß man sich aber vorbereiten.

Meine Zukunft ist noch zu verschwommen um zu planen. Deswegen lebe ich im Nun.
Trotz aller Distanz, Gabi, brauche ich Dich, vielleicht mehr (da anders) als je zuvor.

In Deinem letzten Brief hast Du mich zitiert, daß ich Dir gerne einiges zurückgeben würde. Du meintest, besser früher als zu spät. Aber bevor man geben kann muß man erst einmal haben. Ich bin dabei, mir etwas zu erarbeiten, bin aber gerade erst am Anfang.

Laß uns die momentane Krise bitte so meistern, wie alle anderen zuvor. Wir sind stark genug!!

Bis dahin, sei fest gedrückt              

Dein Sohn Florian

P.S. Ich freue mich schon sehr auf euch. Es wird ganz toll werden!!!!


Es sind diese Briefe, die ich heute mit unendlicher Liebe, mit Dankbarkeit und auch mit stolz lese - aber auch mit unendlicher Traurigkeit und Wehmut:  Wir haben uns auseinandergesetzt, wir haben Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit gelebt - und damit Vertrauen.  Florian fehlt mir an manchen Tagen so sehr, dass ich den Verlust körperlich spüre... das Abgetrenntsein, die Amputation des Kindes!  Heute ist so ein Tag... vielleicht, weil Irland näher kommt - und ich mich so sehr auf "Flori-Land" freue. 

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