Freitag, 31. Juli 2009

Der Tod


…der Tod ist die uns abgekehrte, von uns unbeschienene Seite des Lebens: wir müssen versuchen, das größeste Bewußtsein unseres Daseins zu leisten, das in beiden unabgegrenzten Bereichen zu Hause ist, aus beiden unerschöpflich genährt…Die wahre Lebensgestalt reicht durch beide Gebiete, das Blut des größesten Kreislaufs treibt durch beide: es gibt weder ein Diesseits noch ein Jenseits, sondern nur die große Einheit...


R.M.Rilke


Foto: Sandra Schmechel
www.sandraschmechel.de

Donnerstag, 30. Juli 2009

Das Unglück von Überlingen



"...Ich fiel von der Mondsichel
von deren schmalem Zipfel,
dann flog ich furchtbar lange
und erreichte den Himmel."

Tagebucheintrag der 14jährigen
Soja Fedotowa Sergeewna*20.8.1988 1.7.2002
Aus Tagebuchnotizen vor der Reise in Richtung Spanien

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Nicht rückgängig zu machen und vergessen nicht möglich
Mit Eisen auf Stein sind gezeichnet die Worte
Und du hörst eine Mutter untröstlich weinen
Um den Sohn: er ist nicht mehr zu umarmen...

Nicht rückgängig zu machen, doch Gedächtnis noch frisch
Die Träne rollt wieder die Wange hinab
Das, was war, wiederkehren möchte ich
Und die Zeit soll laufen zurück

Nicht rückgängig zu machen und vergessen nicht möglich,
dem Tode trotzen die Worte wieder
der Gedanke an jemanden wühlt das Herz auf
dort; wo die Wunde gerade vernarbt...

vom 29.05.02
Jelena Jewgenjewna Neljubina
*27.4.1987 † 1.7.2002
Eines ihrer letzten Gedichte

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"Ich flog, natürlich, flog ich
Große Flügel verlieh mir das Glück,
Zuwenig Zeit hat das Leben gegeben,
Unterbrach diesen wundervollen Ritt ..."

Dascha Koslowa am 8.April 2002,
nun in Ihren Grabstein graviert.

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Vielleicht habt Ihr gestern den Film "Flug in die Nacht" gesehen...
Der Himmel ist weit, am 1. Juli 2002 aber nicht weit genug. Kurz vor Mitternacht passiert über dem Bodensee das Unfassbare, zwei Flugzeuge kollidieren. 71 Menschen sterben, mehr als die Hälfte Kinder. Wen trifft die Schuld? Allein den diensthabenden Lotsen der Flugsicherung? - Der SWR-Fernsehfilm "Flug in die Nacht - Das Unglück von Überlingen" verarbeitet die Katastrophe zu einem eindringlichen Drama über persönliche Verantwortung, die Suche nach Erklärungen und dem Wunsch nach Vergebung.
Für mich hat dieser Film besondere Bedeutung. Nicht nur das Entsetzen über dieses Unglück - das Datum - es ist der 1. Juli - der Todestag von Florian - zwei Jahre später.
In der Nacht rief mich eine Freundin von Florian an, vor deren Augen sich dieses Grauen abspielte: Katharina lebte in einem Camphill bei Überlingen und in diese Idylle stürzten die Trümmer und die Menschen fielen in jener Nacht vom Himmel.. Unfassbar, unmittelbar Zeuge zu werden von dieser Katastrophe..
Allen Hinterbliebenen und auch Katha gelten heute meine Gedanken!


WIR ER-INNERN

Ihre Körper sind alle gefunden worden,

aber die vielen Helfer sind hilflos geblieben

und die Retter

konnten niemand mehr retten.


Nur noch bergen konnten sie,

und wir sind aus der Geborgenheit

unserer schönen Landschaft gerissen worden

und sahen

den blutenden Himmel

und hörten

die schmerzenden Einschläge

und spürten

das zerstückelnde Zerstören.


Verstört waren wir,

entsetzt, erschüttert,

aber selbst glückhaft

davongekommen.


Dann lernten wir, woher sie kamen:

Piloten aus Kanada,

Großbritannien und Russland.

Kinder aus Baschkirien.


Zwei Vätern

konnte ich für eine Nacht

Obdach bieten.


Jetzt will ich die Seelen ihrer Töchter

in meinem Herzen aufnehmen,


denn manche sagen,

die Seelen bleiben hier.


Wir werden die Seelen alle finden-


In den Wäldern

Zwischen den Feldblumen

In den Gärten

Unter den Bäumen

Über dem See


Wir werden sie alle heimholen

und

ganz

behutsam

gut

zu

ihnen

sein.


Gisela Munz-Schmidt

Mittwoch, 29. Juli 2009

Wer Schmetterlinge lachen hört

Wer Schmetterlinge lachen hört,
der weiß, wie Wolken schmecken,
der wird im Mondschein
ungestört von Furcht,
die Nacht entdecken.

Der wird zur Pflanze, wenn er will,
zum Tier, zum Narr, zum Weisen,
und kann in einer Stunde
durchs ganze Weltall reisen.


Er weiß, dass er nichts weiß,
wie alle andern auch nichts wissen,
nur weiß er was die anderen
und er noch lernen müssen.


Wer in sich fremde Ufer spürt,
und Mut hat sich zu recken,
der wird allmählich ungestört,
von Furcht sich selbst entdecken.


Abwärts zu den Gipfeln
seiner selbst blickt er hinauf,
den Kampf mit seiner Unterwelt,
nimmt er gelassen auf.


Wer Schmetterlinge lachen hört,
der weiß wie Wolken schmecken,
der wird im Mondschein,
ungestört von Furcht,
die Nacht entdecken.


Der mit sich selbst in Frieden lebt,
der wird genauso sterben,
und ist selbst dann lebendiger,
als alle seine Erben.


Novalis

Dienstag, 28. Juli 2009

Traurigkeit

Die mir noch gestern glühten,
Sind heut dem Tod geweiht,
Blüten fallen um Blüten
Vom Baum der Traurigkeit.

Ich seh sie fallen, fallen
Wie Schnee auf meinen Pfad,
Die Schritte nicht mehr hallen,
Das lange Schweigen naht.


Der Himmel hat nicht Sterne,
Das Herz nicht Liebe mehr,
Es schweigt die graue Ferne,
Die Welt ward alt und leer.


Wer kann sein Herz behüten
In dieser bösen Zeit?
Es fallen Blüten um Blüten
Vom Baum der Traurigkeit.

Hermann Hesse
Das Leben hält viele unterschiedliche Abschiede für uns bereit. Auch den von unseren "Alten", die sich - wie meine Schwiegermutter - Schritt für Schritt aus dem Leben entfernen. Diesen Prozess zu erleben und zu begleiten ist oft schmerzlich - und traurig!

Montag, 27. Juli 2009

Ausgesetzt



In einer Barke von Nacht
Trieb ich
Und trieb an ein Ufer.
An Wolken lehnte ich gegen den Regen.
An Sandhügel gegen den wütenden Wind.
Auf nichts war Verlass.
Nur auf Wunder.
Ich aß die grünenden Früchte der Sehnsucht,
Trank von dem Wasser, das dürsten macht.
Ein Fremdling, stumm vor unerschlossenen Zonen,
Fror ich mich durch die finsteren Jahre.
Zur Heimat erkor ich mir die Liebe.

Mascha Kaléko
Skulptur: John Behan

Sonntag, 26. Juli 2009

Denkmal der Liebe

In Berlin, direkt an der Matthäuskirche, die einst zu unserem Friedhof, dem Alten St.-Matthäus-Kirchhof, gehörte, ist seit 2002 ein "Denkmal der Liebe".



Ein Radiosender (Radio Paradiso), den ich damals auf dem Weg zu meiner Arbeitstelle hörte, forderte Berliner Paare auf, ihrer Liebe ein Denkmal zu setzen. Man rief im Sender an und schilderte, weshalb gerade die eigene Liebe es verdiene, dort für die Ewigkeit einen Gedenkstein zu erhalten.
Ich zögerte nicht. Florian war vor zwei Jahren gestorben - und Hans-Jürgen war mir wie eine "feste Burg", die mir Schutz gab, er war der Mensch, die nie aufhörte, an mich zu glauben, auch dann nicht, als ich selbst die Hoffnung auf ein lebbares Leben aufgegeben hatte..
Er blieb an meiner Seite, unverbrüchlich und stark seine Liebe! "In guten und in schlechten Zeiten" - so hatten wir es uns versprochen - am 1. Juli 1994!


Aus über 1000 Paaren, die sich für das Denkmal bewarben, wurden wir (mit 150 anderen Paaren) "erwählt".


Ich war sehr lange nicht mehr dort... und war sehr berührt, als ich es nun einmal wieder besuchte!

Heute, im JAHR ZEHN in Florians ewiger Abwesenheit, weiß ich mit Sicherheit, dass gerade unsere Liebe diesen Platz auf dem Denkmal verdient hat!

Regenbogen

Allein
die Sehnsucht
dass du viel mehr
als Regenbogen bist
lässt uns über
Hoffnungsbrücken gehen.
Allein der Wundertraum
dass dein Leuchten
nicht weniger
als Friedenszeichen ist
lässt uns
selbst hoffnungslose
Wolkenbrüche überleben.

Ute

Gestern, als eine Trauerwelle mich ergriff und hinwegzutragen drohte, schickte mir Florian diesen Regenbogen - direkt über unserer Straße!
Und Du Ute hast mir dies wunderschöne Gedicht geschickt! Danke!
Dies sind magische Augenblicke in der Trauer und sie öffnen das verschlossene und traurige Herz erneut dem LEBEN!

Samstag, 25. Juli 2009

Am Herdfeuer der Seele

http://www.norlandwind.eu/nwsounds/FannanDub.mp3
...Trauer ist die Erfahrung, sich im leergewordenen Raum wiederzufinden, allein und mit bloßliegenden wunden Gefühlsbahnen...In dieser Zeit wird von uns verlangt, gegen den Gezeitenstrom unseres Lebens anzuschwimmen....Unsere Seele kreist
friedlos um diesen inneren Tempel, in dem jetzt nichts mehr verbleibt als das traurige Echo des Verlustes....“


...Von ihrer Seite aus halten unsere Freunde (Kinder) in der unsichtbaren Welt uns in der Umarmung ihrer neuen lichten Zugehörigkeit, auch ohne daß wir es merken. Wir sind stets in der schützenden Geborgenheit ihrer heimlichen Umarmung aufgehoben..


....Die Segnungen, nach denen wir uns sehen, sind an keinem anderen Ort und in keinem anderen Menschen zu finden. Nur unser Selbst kann sie uns gewähren. Sie sind am Herdfeuer unserer Seele zu Hause...
John O'Donohue
Echo der Seele
Foto: Irland 2007 Connemara

Echo der Seele

http://www.youtube.com/watch?v=6eS4sKdi9cg&feature=related

...Das Universum lädt uns förmlich von Natur aus dazu ein, uns auf die Reise zu begeben und es zu entdecken. Die Erde will, dass unser Geist aufmerksam zuhört und wachsam um sich blickt, damit wir ihre Geheimnisse erkennen und sie benennen können. Wir sind die Echo-Spiegel der kontemplativen Natur. Es ist eine unserer heiligsten Pflichten, offen zu sein für die feinen Stimmen des Universums, die in unserer Sehnsucht zum Leben erweckt werden. Aristoteles sagte, der Grund dafür, dass wir überhaupt etwas erkennen können, sei die - innige und exakte - formale Affinität, die zwischen uns und der Natur besteht.

....Es ist eine verlassene Erkenntnis, dass einzig das Leiden uns bestimmte Dinge lehren kann. Leiden.... hat teil am Wesen des Unendlichen.....Das Licht, das der Schmerz hinterlässt, ist ein kostbares Licht...

aus: Echo der Seele
John O'Donohue

An manchen Tagen ist die Sehnsucht oder das Heimweh nach Irland riesengroß! Dann bin ich froh und dankbar, dass Florian uns so viel an "Irland" hinterlassen hat - z.B. die Musik!

Freitag, 24. Juli 2009

In Memoriam

http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/religionen/875708/

Interview zum Thema "Warum Totengedächtnisanzeigen immer beliebter werden" (2008)
Wie Ihr seht, ordne und sortiere ich und finde immer wieder Dinge, die ich gerne festhalten und mit Euch teilen möchte - oder Euch mitteilen möchte :)